Mitteldeutsches Lehmbauerbe: erfassen, verstehen, transformieren
07/2026 - 12/2028
Der Massivlehmbau ist Alleinstellungsmerkmal und prägendes Element der ländlichen Baukultur Mitteldeutschlands. Trotz der Masse an erhaltenen Gebäuden und der historischen Bedeutung ist dieses Phänomen jedoch bis heute kaum erforscht. In mehreren „Lehmbauwellen“, die ab dem 19. Jahrhundert mit dem Beginn des Kohlebergbaus und der Industrialisierung der Landwirtschaft deutlich fassbar werden, entwickelte sich hier der für Mitteleuropa größte Bestand an Gebäuden in Massivlehmbauweise. Nach beiden Weltkriegen wurde aufgrund des nachkriegsbedingten Mangels an Ressourcen und Energie der massive Lehmbau staatlich propagiert, allein für die frühe sowjetische Besatzungszone ist die Herstellung von mehreren zehntausend Stampflehmbauten überliefert.
Das skizzierte Vorhaben umfasst neben der kartografischen und baubeschreibenden Erfassung im Zuge der Feldarbeit Recherchen und Archivarbeit zu historischer Literatur, Bild- und Kartenmaterial sowie die Bearbeitung archäologischer Quellen zum Lehmbau für die Zeiten vor der Schriftlichkeit. Eines der zentralen Forschungsanliegen ist die Suche nach dem „Missing link“ zwischen den aus der späten Bronzezeit (1. Jahrtausend v. Chr.) bekannten Massivlehmfragmenten und den ältesten noch stehenden Gebäuden des 15. Jahrhunderts.
Untersucht werden die topographischen, geologischen, klimatischen, historischen und politischen Rahmenbedingungen, die einst den massiven Lehmbau forcierten und Innovationen beförderten. Neben der Dokumentation des Gebäudebestandes und der Erhebung exemplarischer Gebäudebiographien stehen die räumliche Verbreitung massiver Lehmbauten nach Zeitscheiben inklusive der quantifizierenden Erhebung, die Untersuchung spezifischer Bau- und Nutzungstypen sowie die dafür angewandten Techniken und Baustoffrezepturen im Fokus. In den vom Kohleausstieg geprägten Regionen Mitteldeutschlands bietet die regionale Lehmbaukultur großes Innovationspotential zur Stärkung der regionalen Identität, Wertschöpfung, Resilienz und Lebensqualität ganz im Sinne der Transformation für einen nachhaltigen regionalen Strukturwandel. Dafür ist es notwendig die historische Entwicklung des Lehmbaus zu verstehen und diese mit dem Online-Archiv Lehmbauerbe wissenschaftshistorisch aufzuarbeiten und öffentlich zugänglich zu machen.
Der so erzielte interdisziplinäre Wissensspeicher zum massiven Lehmbau in Mitteldeutschland soll über verschiedene Tools wie den Atlas Massivlehmbauten und ein Online-Lehm-Literaturarchiv sowie durch Fachbeiträge und Vorträge der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Die aus dem Erhalt historischer Lehmbausubstanz erschlossenen Wissensfelder für den Neubau bieten die einmalige Chance, Mitteldeutschland zu einem Vorreiter im klimagerechten nachhaltigen Bauen auf dem Weg zu einer kreislauforientierten Bauwirtschaft zu machen.